Nachrichten ohne ÖRR-Filter
Die Nachrichten, bevor sie durch den Filter gehen.
Durchschaut

Zwei Überschriften, ein Artikel

Ein Zeitungskiosk in der Daemmerung: Auf dem Stapel zur Strasse hin steht 51 Prozent wollen Grenzen zu, das Blatt beim Verkaeufer drinnen zeigt 69 Prozent wollen Schutz geben

Eine absolute Mehrheit der Deutschen will die Grenzen für Flüchtlinge vollständig schließen. 51 Prozent. Das ist die Nachricht des Tages, und man muss sie suchen.

Erhoben hat sie das Institut Ipsos UK gemeinsam mit dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR: 21.521 Befragte in 29 Ländern, rund 1.000 davon in Deutschland, Fehlertoleranz 3,5 Prozentpunkte. Zugleich befürworten 69 Prozent das Recht, im Ausland Schutz vor Krieg und Verfolgung zu suchen.

Der Spiegel hat daraus zwei Überschriften gemacht.

Auf der Artikelseite, in der Adresszeile und in dem Titel, den Google, X und Facebook auslesen, steht: „Mehrheit der Deutschen für Grenzschließungen.“

Auf der eigenen Politikseite, dort, wo die Leser des Spiegel klicken, steht: „Mehrheit der Deutschen will Flüchtlinge schützen, die Hälfte aber auch die Grenzen schließen.“

Draußen die Zahl. Drinnen die Beruhigung.

Die taz nimmt dieselbe Agenturmeldung und dreht sie gegen die Befragten: „Flüchtlinge? Lieber woanders!“ Darunter steht die Frage, wie das denn zusammenpasse.

Es passt zusammen, und die Antwort steht in derselben Umfrage. 62 Prozent der Deutschen halten viele Asylsuchende nicht für schutzbedürftig, sondern für Menschen, die wirtschaftliche Chancen oder Sozialleistungen suchen. Nur 30 Prozent glauben an eine gelingende Integration. Im Schnitt der 29 Länder sind es 44.

Wer das Asylrecht bejaht und seine Anwendung bestreitet, widerspricht sich nicht. Er unterscheidet.

Die Agenturmeldung nennt es einen „scheinbaren Widerspruch“. Die 62 Prozent, die ihn auflösen, stehen im vierten Absatz. In keiner Überschrift.

Mehr dazu: Die Statistik, die keiner zeigt und Integriert und weggeblendet

Aus der Redaktion Eine Redaktion darf eine Zahl einordnen. Sie darf sie kommentieren, bezweifeln, in einen Zusammenhang stellen. Was sie nicht tun sollte, ist, zwei Überschriften zu führen: eine für die Suchmaschine und eine für die eigene Startseite. Wer über Google kommt, liest, dass eine Mehrheit die Grenzen schließen will. Wer auf spiegel.de klickt, liest zuerst, dass die Deutschen Flüchtlinge schützen wollen. Es ist derselbe Text, dieselbe Umfrage, derselbe Tag. Die Adresszeile steht noch da. Sie lässt sich anklicken.
← Zurück zur Startseite