Integriert und weggeblendet
Die Daten sind neu und nüchtern: Das Berliner DeZIM-Institut hat unmittelbar nach der Bundestagswahl 2025 über 2.200 Wahlberechtigte befragt. Wähler mit Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion, großteils Russlanddeutsche und die größte Zuwanderergruppe des Landes, stimmten um 19,4 Prozentpunkte häufiger für die AfD als Menschen ohne Migrationshintergrund. Türkeistämmige ticken anders, aber nicht so, wie es das öffentlich-rechtliche Weltbild vorsieht: Sie stärkten neben der SPD vor allem das BSW (plus 13,1 Punkte), die Partei mit dem härtesten Migrationskurs links der Mitte, und wandten sich von den Grünen ab (minus 9,7 Punkte). Als Treiber solcher Präferenzen nennt die Forschung Integrations- und Identitätsfragen.
Wer verstehen will, warum, muss die Biografien ansehen. Die Gastarbeiter-Generation und ihre Kinder kamen mit Arbeitsvertrag, nicht mit Asylantrag: angeworben zum Arbeiten, ohne Versprechen des Sozialstaats, den Aufenthalt über Jahrzehnte Erwerbsarbeit verdient. Wer später legal zuwanderte, musste Deutschnachweise und Integrationsvereinbarungen erfüllen. Viele dieser Menschen sind Muslime, unaufgeregt und längst Teil des Landes. Sie sehen zu, wie der Asylweg all das umgeht, was man von ihnen verlangt hat; wie ihre Kinder in überforderten Klassen sitzen; und wie jede neue Eskalation auch auf sie zurückfällt, weil Misstrauen nicht zwischen dem Facharbeiter von 1974 und dem Ankömmling ohne Papiere unterscheidet. In Wien hat das inzwischen sogar die FPÖ verstanden: Laut einem Medienbericht warb sie im Frühjahr gezielt um türkischstämmige Wähler. Sie wird wissen, warum.
Im öffentlich-rechtlichen Programm kommt dieses Wählersegment schlicht nicht vor. Es passt in keine Schablone, denn es ist der lebende Gegenbeweis zur Gleichung „migrationskritisch gleich fremdenfeindlich". Man müsste diese Leute interviewen, im Gemeindebau, in der Werkstatt, im Lebensmittelhandel. Stattdessen erklärt das Programm ihre Sorgen zur Phobie und ihre Existenz zur Randnotiz.
Quelle: DeZIM-Institut, Sonderbefragung zur Bundestagswahl 2025 (DeZIM.panel, Februar 2025); Immigrant German Election Study (Treiber bei Russlanddeutschen); ein Medienbericht (März 2025, FPÖ-Wahlwerbung Wien).
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