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Durchschaut

Der Kanzler hat richtig gerechnet

Es gibt einen Satz, für den sich ein Kanzler feiern lassen könnte. Friedrich Merz hat ihn am Mittwoch gesagt: „Ich gebe zu, das ist eine erhebliche Belastung meiner persönlichen Glaubwürdigkeit.“ Es ging um die Schuldenbremse. Um das Versprechen, für das er gewählt wurde, und um die 500 Milliarden Euro, die er danach beschließen ließ.

Man sollte den zweiten Teil mitlesen. Direkt nach dem Eingeständnis erklärte Merz wortreich, warum er so handeln musste. Die außen- und sicherheitspolitische Lage. Der Umgang mit der Ukraine „durch den einen oder anderen Partner auf der Welt“. Und überhaupt: „Schon lange vor der Bundestagswahl“ habe er darauf hingewiesen, dass über die Schuldenbremse geredet werden müsse.

Das stimmt nicht, und es steht im Liveblog des ZDF. Dort schreibt der Sender um 13:43 Uhr in eigener Stimme, ohne Konjunktiv, ohne Anführungszeichen: „Tatsächlich hatte Merz im Bundestagswahlkampf aktiv für das Festhalten an der Schuldenbremse geworben.“

Um 14:34 Uhr nennt der ZDF-Korrespondent Jan Henrich das Eingeständnis „bemerkenswert“.

Um 19:24 Uhr erscheint die Analyse zur selben Pressekonferenz. Autor: Jan Henrich. Titel: „Die vorsichtigen Töne des Bundeskanzlers“. Die Schuldenbremse kommt nicht vor. Das Eingeständnis kommt nicht vor. Die Richtigstellung kommt nicht vor. Was vorkommt: „kommunikativer Spagat“, „Erwartungsmanagement“, Lob für den Koalitionspartner. Merz habe „offenbar aus Fehlern der Vergangenheit lernen“ wollen.

Sechs Stunden zwischen bemerkenswert und weggelassen.

Bei der ARD steht der Satz im vorletzten Absatz. Darüber die Überschrift: „Sommerbilanz mit angezogener Handbremse“. Dieselben 90 Minuten, zwei mögliche Schlagzeilen. „Kanzler räumt Glaubwürdigkeitsverlust ein“ wäre die andere gewesen.

Ein zweiter Satz fehlt in der Analyse ebenfalls. Merz habe mehrfach betont, er wolle alles in seiner Macht Stehende tun, um eine AfD-Regierung zu verhindern. Der Korrespondent notierte im Liveblog: „Das war sein Satz, der dem Kanzler anscheinend wichtig schien.“ Am Abend war auch dieser Satz weg.

Damit steht die Rechnung, die Merz aufgemacht hat. Ein Geständnis, das keiner weiterträgt, ist keins. Es ist eine Investition. Man sagt den harten Satz einmal in einen Saal voller Journalisten, erntet Respekt für die Offenheit, und am Abend steht in der Zusammenfassung, man habe vorsichtige Töne angeschlagen.

Der Kanzler hat richtig gerechnet. Bezahlt wird das mit 18,36 Euro im Monat.

Mehr dazu: Der Wahrheitsfritz? Eine Analyse und Reformkanzler auf Bestellung.

Aus der Redaktion Ein Kanzler, der zugibt, sein zentrales Wahlversprechen gebrochen zu haben, liefert die Schlagzeile des Tages frei Haus. Sie wurde nicht gedruckt. Stattdessen erfährt der Beitragszahler, der Kanzler habe vorsichtige Töne angeschlagen und ein gutes Verhältnis zu den SPD-Vorsitzenden. Das ist keine Zusammenfassung, das ist eine Auswahl. Wer 90 Minuten auf ein paar tausend Zeichen eindampft, entscheidet, was der Bürger erfährt, und diese Entscheidung fällt in einem Haus, das er bezahlen muss. Der Liveblog beweist, dass die Redaktion den Satz gehört und für bemerkenswert gehalten hat. Sechs Stunden später war er es nicht mehr. Wessen Interessen vertritt ein Sender, der einen Kanzler vor seinem eigenen Geständnis schützt?
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