Schmierblatt mit Gütesiegel
Der gefährlichste Mann Deutschlands ist gefunden. Kein Gericht hat ihn ermittelt, keine Behörde eine Gefährdungszahl vorgelegt. Der SPIEGEL hat Ulrich Siegmund auf den Titel gesetzt.
Der AfD-Spitzenkandidat wolle sich „an die Macht lächeln“, hinter ihm stehe ein „rechtsextremes Netzwerk“. Der Superlativ steht am Kiosk. Die Begründung liegt hinter der Bezahlschranke. Das Urteil bekommt jeder.
Wer einen Oppositionspolitiker so etikettiert, schuldet einen Maßstab: gefährlich für wen, gemessen woran, verglichen mit wem? Das Cover liefert keinen. Politische Wertung erscheint als Tatsache.
Ausgerechnet dieses Magazin nennt die Überprüfung von Tatsachen seinen Markenkern. In seiner Dokumentation beschäftigt der SPIEGEL nach eigener Darstellung rund 60 „Fachleute“.
2017 schickte der SPIEGEL Claas Relotius nach Fergus Falls. Seine Reportage sollte das Leben von Trump-Wählern zeigen. Relotius erfand ein Schild „Mexicans Keep Out“, Personen und Szenen. Selbst Trumps Stimmenanteil war falsch: 70,4 statt 62,6 Prozent. Aufgeflogen ist Relotius, weil sein Kollege Juan Moreno Widersprüche in einer gemeinsamen Reportage nachwies. Die Fergus-Falls-Bewohner Michele Anderson und Jake Krohn dokumentierten anschließend elf Fehler und Erfindungen. Der SPIEGEL sperrte den Text.
1993 behauptete der Titel „Der Todesschuss“, ein anonymer Zeuge habe gesehen, wie ein GSG-9-Beamter den RAF-Terroristen Wolfgang Grams exekutierte. 27 Jahre später urteilte die SPIEGEL-eigene Kommission: mangelhaft geprüft, falsche Aussage, journalistischer Fehler. Dokumentation und redaktionelle Kontrolle hätten versagt.
Im Dezember 2025 bestätigte das Oberlandesgericht München mehrere unwahre Tatsachenbehauptungen in einer SPIEGEL-Geschichte über die Max-Planck-Gesellschaft. Eine Stellungnahme sei sinnverfälschend wiedergegeben worden. Der SPIEGEL korrigierte nach der verlorenen Berufung.
Die verkaufte SPIEGEL-Auflage sank von knapp 1,06 Millionen Exemplaren 1995 auf 635.843 im zweiten Quartal 2026 – rund 40 Prozent. Siegmunds Partei erreicht mit ihm als Spitzenkandidaten derzeit 41 bis 43 Prozent. Bei der Landtagswahl 2021 waren es 20,8 Prozent.
Nun erklärt das geschrumpfte Magazin den wachsenden Gegner zur größten Gefahr des Landes. Der Titel soll Siegmund entlarven. Tatsächlich zeigt er vor allem, wie der SPIEGEL arbeitet: erst das Urteil, dann die Begründung, Zweifel nur gegen Aufpreis.
Quellen: DER SPIEGEL: Titelgeschichte über Ulrich Siegmund · SPIEGEL-Gruppe: Dokumentation · NDR: Der Fall Relotius · Brookings: Fergus Falls · WELT: SPIEGEL-Kommission zu Bad Kleinen · Max-Planck-Gesellschaft: OLG-Urteil · SPIEGEL Media: Auflage 2026 · IVW-Auflagenentwicklung via Statista · Wahlrecht.de: Umfragen Sachsen-Anhalt
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