Die Toleranz, die niederbrüllt
Am Dienstag hielt Ute Bayen, seit 2007 Psychologieprofessorin an der Universität Düsseldorf, eine Vorlesung über die Entwicklung der Trans-Identität. Sie musste sie unter Polizeischutz halten, berichtet die EMMA. Draußen protestierten Hunderte, drinnen ließ das Publikum sie „keinen Satz ausreden", schrie dagegen, trommelte gegen die Wände. Eine Zuschauerin nannte es „bedrohlich".
Man muss wissen, wer da trommelte: Leute, die sich für die Toleranten halten. Sie tragen Vielfalt und Offenheit vor sich her und fordern beides lautstark ein. Nur reicht ihre Toleranz genau so weit wie die eigene Meinung. Wer eine andere hat, wird nicht widerlegt, sondern übertönt. Das ist keine Toleranz. Das ist eine Diktatur der einen erlaubten Meinung, die sich für Fortschritt hält.
Was da niedergebrüllt wurde, war der Stand der Forschung, und der ist unbequem, aber nicht rechts. In Großbritannien legte 2024 der Cass-Review vor, vier Jahre Arbeit, acht systematische Übersichtsarbeiten. Sein Urteil über die medizinische Behandlung von Kindern mit Geschlechtsdysphorie: die Evidenz sei „bemerkenswert schwach". England verschreibt Pubertätsblocker seither nur noch in Studien, seit Ende 2024 unbefristet. Schweden, Finnland und Norwegen erklärten die Hormonbehandlung Minderjähriger schon vorher für experimentell. Das sind keine Aktivisten. Das sind die Gesundheitsbehörden selbst.
Deutschland geht trotzdem voran. Die neue Leitlinie von 2025 hält den medizinischen Weg für Jugendliche offen, doch sie trägt das Kürzel S2k, nicht S3. Übersetzt: Expertenkonsens, nicht Evidenz. Die Fachgesellschaften wollten eine evidenzbasierte Leitlinie und schafften sie nicht, weil die Studien fehlen, und blieben trotzdem beim Angebot. Die Psychiater der DGPPN legten ein Sondervotum ein, zwei Kommissionsmitglieder traten aus Protest zurück, der Deutsche Ärztetag stellte sich dagegen.
Die Medizin wird also vorsichtiger. Die Politik nicht. Am 12. Februar stimmte das Europäische Parlament in seiner offiziellen Gleichstellungsposition mit 340 zu 141 für die „volle Anerkennung von Transfrauen als Frauen" und lehnte einen Zusatz ab, dass nur biologische Frauen schwanger werden können, mit 233 Gegenstimmen.
Bindend ist das nicht, es ist eine Empfehlung. Aber es macht einen Unterschied, wer so etwas beschließt. Wenn ein Einzelner Biologie für verhandelbar erklärt, ist das eine Kuriosität. Wenn das gewählte Parlament eines halben Kontinents sich weigert, festzuhalten, dass nur biologische Frauen schwanger werden, ist es keine Kuriosität mehr. Es ist eine Ansage.
Und es warnen nicht nur Konservative: Die UN-Sonderberichterstatterin gegen Gewalt an Frauen, Reem Alsalem, erklärte, das deutsche Selbstbestimmungsgesetz biete zu wenig Schutz vor Missbrauch und gefährde Frauen in Schutzräumen, Frauenhäusern und Umkleiden. Die eigene Fachfrau der Vereinten Nationen. Nicht die AfD.
So schließt sich der Kreis in Düsseldorf. Dieselbe Frage, die Gesundheitsbehörden von London bis Oslo heute offen stellen, wird an einer deutschen Universität weggetrommelt. Nicht widerlegt. Übertönt.
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