Der Kranz war schuld
Am 20. Juli, dem 81. Jahrestag des Stauffenberg-Attentats, wird im Bendlerblock ein Kranz zerstört. Nicht von Neonazis. Von einem Mann, den die Zeitungen am nächsten Morgen zum Helden erklären.
Der Mann ist Tobias Korenke, Großneffe des Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer. Er griff nach dem Kranz der AfD-Fraktion, Sicherheitsleute gingen dazwischen, im Gerangel wurde er beschädigt. Viele Nachfahren empfänden Wut, sagte Korenke, wenn die AfD hier Kränze ablege. „Das akzeptieren wir hier nicht.“
Was folgte, war kein Tadel. Es war Applaus. Der Leiter der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, Jens-Christian Wagner, erklärte, Korenke habe „einen Preis für Zivilcourage verdient“. Die taz überschrieb ihren Kommentar mit „Mach mit, wirf’s weg“. Aus einer beschädigten fremden Sache an einem Gedenkort wurde über Nacht eine Tugend.
Und der Gebührenfunk macht den Kranz zum Täter. „Ein Kranz der AfD sorgte für ein Handgemenge“, meldet die tagesschau. „Handgemenge wegen AfD-Kranz“, das ZDF. Ein Kranz sorgt für nichts, ein Kranz liegt. Wer ihn wegriss, verschwindet aus dem Satz. Schuld ist, wer ihn hingelegt hat.
Man stelle sich das umgekehrt vor. Jemand reißt am selben Denkmal den Kranz einer anderen Partei herunter. Kein Wort von Zivilcourage. Es hieße Vandalismus, Anzeige, Empörung.
Nicht die Tat entscheidet, ob sie gefeiert oder verurteilt wird, sondern das Ziel. Derselbe Griff nach demselben Kranz ist Straftat oder Auszeichnung, je nachdem, wessen Schleife daran hängt. Ein Gedenkstättenleiter lobt die Zerstörung, eine Zeitung ruft zum Mitmachen auf, und der Sender, den auch der AfD-Wähler bezahlt, macht aus dem Angriff auf dessen Partei einen Eklat um sie.
Ob eine zerstörte Sache Vandalismus heißt oder Zivilcourage, entscheidet am Bendlerblock nicht die Tat. Es entscheidet, wessen Kranz es war.
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