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Durchschaut

Der Held im Indikativ

Es gibt einen Satz, den kein Reporter über einen Menschen schreiben sollte, den er gerade begleitet: dass er recht hat.

Am 3. Juli veröffentlichte das ZDF eine 27-minütige Reportage über einen 24-jährigen YouTuber, dazu einen Begleitartikel im Ressort Politik. Autoren: Max Neidlinger und Ulrich Hansen. Der Mann tritt auf Demonstrationen von Rechtsextremen und der AfD auf, interviewt Teilnehmer und stellt die Videos ins Netz.

Über seine Methode schreibt das ZDF: „Er argumentiert mit Fakten, Bildung, Wissen. Manchmal mit Geschichte, manchmal mit Biologie. Dass ein afghanischer Flüchtling biologisch nicht anders ist als sie selbst, geben dann irgendwann sogar Rassisten zu.“

Kein Zitat. Keine Anführungszeichen. Kein Konjunktiv. Der Sender sagt das selbst.

Am 24. April hatte das Portal diesachsen.de dieselbe Figur beschrieben, aus Anlass einer Medaille der Theodor-Heuss-Stiftung. Über die Videos heißt es dort: „Was dabei entsteht, sind keine reißerischen Konfrontationsvideos, sondern sachliche, oft erschreckend nüchterne Gespräche.“ Und über sein Motiv: „Er geht nicht hin, um zu gewinnen. Er geht hin, um zu reden.“

Auch das ist kein Zitat. Auch das ist der Indikativ.

Zwei Redaktionen, zwei Monate auseinander, dieselbe Bewegung: Sie beschreiben die Methode nicht, sie beglaubigen sie. Ob die Gespräche sachlich sind, ob die Argumente Fakten sind, ob wirklich sogar Rassisten zustimmen, wäre die Frage gewesen. Sie wird in keinem der beiden Texte gestellt.

Beim ZDF kommt neben dem Porträtierten nur zu Wort, wer ihn gut findet. Ein Demonstrationsteilnehmer nennt ihn „mutig und inspirierend“.

Der Zahl gegenüber, um die es geht, sind beide vorsichtiger. Über 500 Aussteiger aus der rechten Szene, heißt es bei diesachsen.de im Text, „sollen laut Marcant“ auf seine Videos zurückgehen. In der eigenen Kurzbeschreibung desselben Artikels ist daraus geworden: der YouTuber, „der über 500 junge Menschen aus der rechten Szene geholt hat“.

Im Text der Konjunktiv. In der Überschrift die Tatsache.

Mehr dazu: Ein Etikett, nur für eine Seite und Haltung auf Gebührenkosten

Aus der Redaktion Ein Porträt darf wohlwollend sein. Es darf sogar bewundern. Was es nicht darf, ist die Behauptung des Porträtierten in die eigene Stimme übernehmen und im Indikativ ausliefern. Genau das ist hier zweimal passiert, in zwei Häusern, unabhängig voneinander, mit demselben Ergebnis. Das ist keine Absprache. Es ist etwas Schlimmeres: eine Redaktionskultur, in der bei bestimmten Themen niemand mehr auf die Idee kommt, die Frage überhaupt zu stellen. Der Ausgewogenheitsauftrag steht im Staatsvertrag. Der Konjunktiv wäre der einfachste Weg gewesen, ihn einzuhalten.
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