Wie exakt sind Umfragen?
1.053 Befragte, drei Erhebungswege, mehrere Gewichtungen und 31 Prozent Unsichere: Die ZDF-Zahl zur AfD sieht genauer aus, als sie ist.
40 Prozent für die AfD. 23 Prozent für die CDU. Sechs Prozent für die Grünen. Solche Zahlen sehen aus wie ein vorgezogenes Wahlergebnis.
Apollo News macht daraus bereits politische Gewissheit: Die AfD sei „weit entfernt“ von der absoluten Mehrheit, SPD und Grüne lägen „deutlich“ über der Fünf-Prozent-Hürde. Doch das ZDF veröffentlicht keine ausgezählten Stimmen. Selbst die Antworten der Befragten erscheinen nicht unverändert in der Grafik.
Von der Antwort zur Projektion
Für das aktuelle Politbarometer-Extra befragte die Forschungsgruppe Wahlen vom 25. bis 27. August insgesamt 1.053 zufällig ausgewählte Wahlberechtigte in Sachsen-Anhalt. Die Interviews fanden über Festnetz, Mobilfunk und online nach einer SMS-Einladung statt.
Anschließend werden die Antworten gewichtet. Unterschiede bei den Auswahlchancen werden korrigiert. Alter, Geschlecht und Bildung der Stichprobe werden an die Bevölkerung angepasst. Auch Teilnahmeverweigerungen fließen in die Korrektur ein.
Damit endet die Bearbeitung nicht. Die veröffentlichten 40 Prozent sind eine „Projektion“. Nach eigener Darstellung bezieht die Forschungsgruppe zusätzlich Parteibindungen, politische Grundüberzeugungen, taktische Überlegungen und einen zeitlichen Verzögerungseffekt ein.
Die öffentliche Methodenerklärung nennt diese Faktoren. Wie stark sie den aktuellen Rohwert jeder Partei verändern, weist die Veröffentlichung für Sachsen-Anhalt nicht aus. Die Zahl in der Grafik ist damit das Ergebnis einer Befragung und eines Modells.
40 bedeutet auch 37 oder 43
Die Forschungsgruppe gibt für einen Wert von 40 Prozent einen Fehlerbereich von gut drei Prozentpunkten an. Die AfD kann nach dieser Erhebung also ungefähr bei 37, 40 oder 43 Prozent liegen.
Bei einem Wert von zehn Prozent beträgt der Fehlerbereich gut zwei Punkte. Gerade bei Parteien nahe der Fünf-Prozent-Hürde warnt das Institut ausdrücklich vor festen Schlussfolgerungen. Apollos Aussage, die Grünen lägen mit sechs Prozent „deutlich“ über der Hürde, lässt sich aus der Umfrage deshalb nicht ableiten.
Noch schwerer wiegt eine zweite Zahl: 31 Prozent der Befragten wussten zum Erhebungszeitpunkt nicht sicher, wen oder ob sie wählen werden. Fast ein Drittel war neun Tage vor der Wahl nicht festgelegt.
Der Test von 2021
Wie schnell eine Projektion kippen kann, zeigte Sachsen-Anhalt bereits bei der vergangenen Landtagswahl.
Am 3. Juni 2021 veröffentlichte die Forschungsgruppe ihre letzte Erhebung vor der Wahl. Die Projektion sah die CDU bei 30 Prozent und die AfD bei 23 Prozent. Drei Tage später erhielt die CDU amtlich 37,1 Prozent, die AfD 20,8 Prozent.
Die CDU-Abweichung betrug 7,1 Punkte und lag deutlich außerhalb der angegebenen statistischen Schwankungsbreite. Auch damals waren 37 Prozent noch unsicher, wen oder ob sie wählen würden.
Die Schlagzeile frisst das Kleingedruckte
Dass die AfD derzeit klar führt, zeigen mehrere Erhebungen. Infratest dimap ermittelte am 26. August 42 Prozent. Der Vorsprung vor der CDU ist in beiden aktuellen Studien zu groß, um ihn mit Rundung oder Stichprobenfehler zu erklären.
Die exakte Prozentzahl, der Einzug kleiner Parteien und die daraus berechneten Mehrheiten stehen dagegen nicht fest.
Aus einer Stichprobe wird eine Gewichtung. Aus der Gewichtung wird eine Projektion. Aus der Projektion wird eine Schlagzeile. Übrig bleibt eine Zahl, die wie ein Wahlergebnis aussieht – neun Tage bevor jemand gewählt hat.