Der Tennistermin und die Terrorzelle
Am 3. Januar wurde in Berlin der Strom abgedreht. Sechs Monate später gibt es einen Rücktritt. Er betrifft nicht die Täter.
An jenem Samstag brannte in Berlin-Lichterfelde eine Kabelbrücke. Brandstiftung. 45.000 Haushalte und 2.200 Gewerbeeinheiten lagen im Dunkeln, rund 100.000 Menschen, teils tagelang, teils ohne Heizung, mitten im Winter. Der längste Stromausfall in Berlin seit 1945.
Einen Tag später bekannte sich auf einer linksextremen Plattform eine „Vulkangruppe: Den Herrschenden den Saft abdrehen“. Die Polizei hält das Schreiben für echt, es enthält Täterwissen: 64 Rohre unter der Kabelbrücke, vier Baustellenspieße zum Kurzschließen, Stahlstangen. Am 6. Januar übernahm die Bundesanwaltschaft, unter anderem wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Der Bundesinnenminister setzte eine Million Euro Belohnung aus.
Das war vor einem halben Jahr. Gefasst ist niemand.
Die „Vulkangruppen“ greifen laut Verfassungsschutz seit 2011 die Infrastruktur an. Ostkreuz 2011, Charlottenburg 2018, die Tesla-Baustelle 2021, der Strommast 2024, Berlin-Dahlem im Mai 2025, Adlershof im September 2025. Elf bekannte Tatkomplexe, dazu weitere. Der Verfassungsschutz geht von einem stabilen Kern weniger Personen aus. Fünfzehn Jahre, ein stabiler Kern, keine Festnahme.
Die Täter haben sich entschuldigt. In einem Nachtrag zum Bekennerschreiben: „Für die Unannehmlichkeiten […] möchten wir uns noch einmal ausdrücklich entschuldigen.“ Gemeint sind 100.000 Menschen ohne Heizung.
Getroffen hat die Konsequenz jemand anderen. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner gibt seine Spitzenkandidatur auf. Nicht wegen des Anschlags. Wegen einer Stunde Tennis, die er am ersten Krisentag verschwieg. Im Interview sagte er, er habe um 8.08 Uhr zu telefonieren begonnen; die Senatskanzlei ließ sich diese Woche zitieren, vor 12.45 Uhr habe er nicht dienstlich zum Blackout telefoniert. Seine CDU fiel von 28,2 auf 17 Prozent, Platz vier.
Und hier sitzt der Tell. Im Januar hieß der Vorgang Anschlag. Im Juli heißt er Blackout. „Vorwürfe nach Blackout in Berlin“ steht über der Rücktrittsmeldung des Gebührenfunks. Aus dem Terroranschlag ist eine Wetterlage geworden, ein Hintergrundrauschen, vor dem die eigentliche Geschichte spielt: der Terminkalender eines Bürgermeisters. Was im Januar noch Täter hatte, hat im Juli nur noch einen Schuldigen, und der hat Tennis gespielt.
Man stelle sich denselben Vorgang mit umgekehrtem Vorzeichen vor. Eine rechtsextreme Zelle dreht 100.000 Menschen im Winter den Strom ab, der längste Ausfall seit Kriegsende, Terrorermittlungen, nach sechs Monaten niemand gefasst. Wäre die Schlagzeile im Juli ein Tennistermin? Die Frage beantwortet sich selbst.
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