Ein Gipfel, ein Ton, ein Feindbild
Man öffne beim NATO-Gipfel in Ankara mehrere große Nachrichtenseiten nebeneinander und zähle, wer den Bösen spielt. Das Ergebnis ist überall gleich. Der US-Präsident „droht" und „beschwert sich", er könne den Gipfel „ins Chaos stürzen". Der deutsche Kanzler „hofft auf den guten Geist von Ankara". Der ukrainische Präsident „bietet an", „wirbt", „fordert". Ein Gipfel, ein Dutzend Redaktionen, eine Rollenverteilung, festgezurrt, bevor die erste Sitzung begann.
Das ist kein Handwerksfehler, das ist Haltung, ausgegeben als Nachricht. Jedes gebührenfinanzierte Haus hat den gesetzlichen Auftrag, ausgewogen zu berichten. Geliefert wird das Gegenteil: eine gemeinsame Meinung, verkauft als nüchterne Lage. Der Reflex hört beim Gebührenfunk nicht auf, er läuft weiter durch Spiegel, Stern und den Rest der Häuser, die sich kritisch nennen und im Gleichklang schwingen.
Was tatsächlich gesagt wurde, zählt in dieser Regie nur, soweit es passt. Donald Trump nannte sich „sehr enttäuscht von der NATO" und warf mehreren europäischen Partnern vor, die USA im Iran-Krieg im Stich gelassen zu haben. Er stellte klar, Grönland gehöre unter US-Kontrolle, und drohte, man könne „alle Soldaten aus Europa abziehen".
Der Satz, der die Erzählung sprengt, wandert überall nach unten: Von 32 NATO-Staaten erreichen laut Schätzungen ganze fünf das gemeinsam beschlossene Fünfprozentziel. Der Vorwurf, die Europäer zahlten zu wenig, ist damit nachrechenbar. Die Redaktionen liefern die Zahl und verschweigen, was sie bedeutet.
Die Gegenrolle läuft glatt. Der ukrainische Präsident wirbt für den Beitritt und fordert Flugabwehr, während das Bündnis im selben Zug mehr als 40 Milliarden Dollar für die Drohnenabwehr in Aussicht stellt. Kein Wort zur dokumentierten Korruption im Empfängerland, kein Wort zu einem Krieg, dessen Ende immer mehr Europäer am Verhandlungstisch mit Moskau suchen statt in der nächsten Waffenlieferung. Dass der Beitritt im Bündnis höchst umstritten ist und Trump ihn mehrfach ausgeschlossen hat, steht im Nebensatz.