Nachrichten ohne ÖRR-Filter
Die Nachrichten, bevor sie durch den Filter gehen.
ÖRR

Wenn Kritik zu Bots wird

Wer viel Widerspruch erntet, kann ihn ernst nehmen oder ihn zu Bots erklären. Ein Investigativteam des Gebührenfunks hat sich für das Zweite entschieden: In einer internationalen Recherchekooperation wertete es Kommentare unter Medienposts aus und berichtet, Bots und koordinierte Kampagnen fluteten die Debatte, besonders beim Thema Iran.

Dass es solche Kampagnen gibt, bestreitet niemand, und ihre Analyse ist legitim und nützlich. Automatisierte Netzwerke, ausländische Einflussversuche, gekaufte Reichweite, all das ist real und gehört benannt.

Die Frage ist die Rahmung. Auffällig ist, wo der Verdacht ansetzt: dort, wo viel Gegenwind steht. Wenn ausgerechnet unter kritischen Posts zuerst nach dem Bot gesucht wird, lernt das Publikum, unbequeme Mehrheiten in Kommentaren für unecht zu halten. Das Etikett „Manipulation“ zeigt fast immer nach außen, zum Widerspruch, selten nach innen, zur Zustimmung.

Der Gegentest fehlt in der Recherche. Wo eine Welle des Beifalls die eigene Linie stützt, fragt kein Investigativteam nach den Bots dahinter. So wird aus einem realen Problem ein Werkzeug: Wer den Verdacht der Steuerung nur gegen Kritik erhebt und nie gegen die eigene Gefolgschaft, immunisiert die eigene Position gegen Widerspruch.

Aus der Redaktion Bots zu benennen ist richtig, und wir tun es selbst. Aber wer nur die Kritiker unter Manipulationsverdacht stellt und den Beifall nie prüft, betreibt am Ende selbst eine Form der Meinungslenkung. Der Maßstab muss in beide Richtungen gelten.
← Zurück zur Startseite