Der Prophet mit Standleitung
Der ÖRR titelt „Selenskyjs Warnung bewahrheitete sich“, als hätte der Präsident in die Zukunft gesehen. Das ist keine Weitsicht, das ist eine gute Datenleitung.
In der Nacht traf ein schwerer russischer Luftangriff Kiew. Nach Angaben der ukrainischen Behörden gab es allein in der Hauptstadt mindestens 20 Tote und 90 Verletzte, eingesetzt wurden 74 Raketen und 496 Drohnen. Bürgermeister Witali Klitschko sprach vom schwersten Angriff seit Kriegsbeginn und rief für Freitag einen Trauertag aus. Die Toten sind real, das steht hier ohne Anführungszeichen.
Und trotzdem lohnt der Blick auf die Schlagzeile. Selenskyj hatte tags zuvor vor einem Großangriff gewarnt, und der ÖRR verkauft das als eingetroffene Prophetie. Worauf die Warnung beruht, steht im selben Text: ein umfassendes Aufklärungsnetz, allen voran US- und britische Geheimdienste, die ihre Erkenntnisse nahezu in Echtzeit teilen, dazu Satelliten, NATO-Frühwarnflugzeuge und elektronische Aufklärung. Wer so verkabelt ist, sagt keinen Angriff voraus, er liest ihn vom Schirm ab. Aus einem Nachrichtendienst macht die Überschrift eine übersinnliche Gabe.
Der eigentliche Dreh liegt in der Reihenfolge. Der Bericht führt mit Russlands Schlägen und dem EU-Zitat von der „Hölle über Kiew“ auf. Dass die Ukraine seit Monaten selbst tief in russisches Gebiet feuert, Raffinerien und Energieanlagen trifft und in derselben Nacht in Nischni Nowgorod einen Menschen tötet und vier verletzt, erfährt der Leser erst in den letzten beiden Absätzen. Man muss die Kreml-Vokabel von der „Vergeltung“ nicht übernehmen, um zu sehen, was der ÖRR wegsortiert: Das ist ein Krieg wechselseitiger Eskalation, in dem beide Seiten das Hinterland der anderen treffen. Wer in fremde Städte feuert, muss mit Feuer zurückrechnen. Diese Symmetrie kennt der ÖRR, sie steht in seinem eigenen Text, und trotzdem baut er die Meldung so, dass die eine Seite Weitsicht besitzt und die andere nur als Wetter vorkommt.