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Klima

Ein Gedenktag für die Schätzung

„Die Juni-Hitzewelle tötete mehr Menschen als je eine Naturkatastrophe in Deutschland.“

So steht es am 10. Juli in der Anrisszeile der „taz“. Ein Rekord, im Indikativ, ohne Fragezeichen. Darunter beginnt der Text mit der Zahl: „Nach der Hitzewelle Ende Juni, bei der etwa 4.100 Menschen gestorben sind.“ Einen Absatz weiter sind es andere Zahlen: Das Robert-Koch-Institut, heißt es, habe für dieses Jahr bereits 4.400 bis 5.800 Tote ermittelt. Drei Größen in zwei Absätzen, eine Spanne von 1.400 Menschen.

Und dann, im vierten Absatz derselben Meldung, steht der Satz, der alles darüber wieder einkassiert: „In Deutschland werden Hitzetote nicht direkt gezählt.“ Das Institut modelliere die Zahl anhand der Übersterblichkeit und der gemessenen Temperaturen.

Niemand hat diese Toten gezählt. Es gibt keine Liste, keine Namen, keine Obduktionen. Es gibt eine Kurve, die von der erwarteten Sterblichkeit abweicht, und eine Temperaturreihe daneben.

Damit ist auch der Rekord besichtigt. Die Zeitung stellt ihn her, indem sie eine Modellrechnung gegen gezählte Leichen antreten lässt. Im selben Text nennt sie den Vergleichsmaßstab selbst: die Flut im Ahrtal, 2021, 135 Tote. Diese 135 sind geborgen worden. Sie hatten Namen, Angehörige, Särge. Die 4.100 sind ein Ergebnis. Wer beides nebeneinanderstellt und daraus einen historischen Höchstwert macht, vergleicht nicht zwei Katastrophen, sondern zwei Methoden.

Hitze tötet, und die Alten in den ungekühlten Zimmern sind real. Genau deshalb wäre die Frage, warum Pflegeheime und Krankenhäuser in einem reichen Land keine Klimaanlagen haben, eine Recherche wert.

Gefordert wird stattdessen ein Gedenktag. Die klimapolitische Sprecherin der Grünen, Lisa Badum, sagt der Zeitung: „Hitzetote sind unsichtbar, sie sterben in ihren Wohnungen oder in Pflegeheimen.“ Und: „Ein Gedenktag ist als Symbol wichtig.“

Unsichtbar sind sie in der Tat. Sie sind eine Differenz zwischen zwei Zahlenreihen.

Wen genau soll das Land an diesem Tag betrauern?

Aus der Redaktion Ein Modell ist ein Werkzeug, kein Totenschein. Wer eine Schätzung im Indikativ meldet, sie zum historischen Rekord erklärt und dann einen nationalen Gedenktag daran hängt, betreibt keine Aufklärung über die Hitze. Er baut ein Denkmal für eine Rechenmethode.
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