Nachrichten ohne ÖRR-Filter
Die Nachrichten, bevor sie durch den Filter gehen.
Deutschland

Die tödlichste Kategorie

Eine geoeffnete Ermittlungsakte auf einem Tisch mit zwei roten Stempeln BEKANNT und FREIGELASSEN und einem angeklammerten geschwaerzten Passfoto

Er war kein Phantom. Abdul B., 21, fuhr am Samstagabend einen Kleinbus in die Menschenmenge am Rande des Berliner CSD. Eine Frau starb, neunundzwanzig Menschen wurden verletzt, mehrere lebensgefährlich. Der Verdächtige ist flüchtig. Der Polizei war er längst bekannt, als Angehöriger des islamistischen Milieus. Im Mai 2026, wenige Wochen vor der Tat, kam er aus dem Jugendarrest frei.

Wien, 2. November 2020. Auch Kujtim Fejzulai war bekannt. Verurteilt, weil er sich dem IS anschließen wollte, dann vorzeitig entlassen, die Deradikalisierung galt als geglückt. Im Juli 2020 versuchte er in Bratislava Munition für sein Sturmgewehr zu kaufen. Er bekam sie nicht. Aber die slowakischen Behörden meldeten den Besuch nach Wien, die Bilder aus der Überwachungskamera lagen dem Verfassungsschutz vor. Passiert ist nichts. Drei Monate später erschoss er in der Wiener Innenstadt vier Menschen und verletzte über zwanzig, ehe ihn die Polizei stoppte.

Berlin, 19. Dezember 2016. Anis Amri war seit einem Jahr als Gefährder erfasst, die Behörden befassten sich fast wöchentlich mit ihm, ein ausländischer Dienst hatte gewarnt. Dann tötete er zwölf Menschen am Breitscheidplatz.

Zwei Städte, drei Taten. Dasselbe Protokoll: bekannt, gemeldet, freigelassen. Kein Ausrutscher, ein Muster.

Die Zahlen zeigen dieselbe Richtung. Europol zählt für 2024 achtundfünfzig Anschläge in der EU. Fünf Menschen starben. Alle fünf bei jihadistischen Taten. Kein einziger Toter durch rechten, linken oder separatistischen Terror in jenem Jahr. Vierundzwanzig Anschläge waren jihadistisch, die stärkste Kategorie, fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Jahr für Jahr nennt Europol dieselbe Kategorie die tödlichste.

Der Staat kennt die Gefahr. Mit Namen, Geburtsdatum, Einstufung. Er hat die Fälle in seinen Akten, die Warnungen in seinen Postfächern. Und lässt sie laufen. Nicht aus Unwissen, sondern weil die Zahl der Fälle die Zahl der Bearbeiter überholt hat. Im Amri-Bericht steht es amtlich, die zuständigen Stellen 2015 „vollständig überlastet". Dazu kommt, wen dieser Apparat sichten müsste: Fast drei von vier Asylantragstellern sind jünger als dreißig, unter den Erwachsenen weit überwiegend Männer, die meisten aus muslimisch geprägten Ländern. Das ist die BAMF-Statistik, keine Meinung. Wer davon bereits radikalisiert ankommt, steht in keiner Akte.

Es fehlt nicht an Befugnissen. Der Staat baut seine Dienste gerade zum echten Geheimdienst aus, darf künftig Wohnungen heimlich betreten und Datenverkehre umleiten. Nur den aktenkundigen Gefährder hält er nicht.

Wer das ausspricht, bekommt ein Etikett. Rechts. Der bequemste Reflex der Debatte, nicht die Behörde prüfen, sondern den, der auf die Behörde zeigt.

Nur ändert ein Etikett kein Protokoll. Und schützt niemanden.

Mehr dazu: Der tägliche Einzelfall.

Aus der Redaktion Es gibt keine Behörde, die von nichts wusste. Es gibt Akten, Warnungen und Entlassungstermine. Wer den bekannten Gefährder laufen lässt und den Kritiker rechts nennt, hat sich für die bequemere Arbeit entschieden.
← Zurück zur Startseite